Gremium / Ausschuss:

Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Stadtgestaltung und Wohnen

Datum: 

15. September 2021

Drucksache: 

DS22197-21

Gute-Wälder-Gesetz

2021-09-02 14.54.16

Wir Menschen produzieren heute weltweit soviel Treibhausgase wie nie zuvor – trotz aller Klimagipfel, Klimagesetze und Green Deals. Auch die Stadt Dortmund ist daran keineswegs unbeteiligt. (Ein Beispiel: Durch den jährlichen Holzeinschlag im Dortmunder Stadtwald wird dessen Klimaschutzwirkung immer stärker eingeschränkt.)

Das muss sich ändern!

Seit Beginn der Industrialisierung ist die Temperatur bereits um 1,2° C gestiegen. Die Menschheit leidet zunehmend unter Hitze, Trockenheit, Wetterextremen, Ernteausfälle, Waldsterben, Wasserknappheit. Hitzekranke und Hitzetote nehmen zu, Menschen fliehen vor Hunger und Durst. Nach drei Jahren mit ungewöhnlicher Hitze und Trockenheit leidet Dortmund aktuell unter sintflutartigen Niederschlägen – typische Symptome der Klimakrise. Bei einer Erwärmung um bereits 1,5° C droht das Klima vollends zu kippen – mit „unermesslichen Kosten und irreversiblen Auswirkungen auf Menschen und ökologische Systeme“ (Weltklimarat IPCC).

Bereits 2028 wird nach Berechnungen der Wissenschaft das zur Einhaltung des 1,5°- Limits noch verfügbare Restbudget für Treibhausgase aufgebraucht sein, wenn nicht sofort massiv gegengesteuert wird. Kurzfristig gelingt das durch Reduktion des Treibhausgasausstoßes und Bindung von CO2 in Ökosystemen wie dem Wald.

Den Kommunen fällt beim Klimaschutz die zentrale Rolle zu, denn dort müssen die Maßnahmen umgesetzt werden. Die Stadt Dortmund kann mit dem Erhalt ihres Stadtwaldes einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Er erstreckt sich über eine Fläche von insgesamt rd. 2.500 ha (davon rd. 1.000 ha Naturschutzgebiet) und besteht überwiegend aus Laubhölzern (Buchen, Eichen).

Die Bestände sind in großen Teilen mehr als 150 Jahre alt und damit im besten Alter für Bäume. Jahr für Jahr werden allerdings 2,5 % der Bestände gefällt, wodurch die Klimafunktion des Waldes als CO2-Senke massiv beeinträchtigt wird. Nach 20 Jahren sind bereits 50 % der Altbestände vernichtet und damit auch fast 50 % seiner Klimaschutzleistung. Gleichwohl entspricht dieses Vorgehen der seit dem frühen 18. Jahrhundert etablierten „guten fachlichen Praxis“ der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft, eine Praxis, die unter den Bedingungen der sich verschärfenden Klimakrise nicht mehr tragbar ist.

Beschlussvorschlag

Damit der Dortmunder Stadtwald seine Klimaschutzfunktion nicht weiter einbüßt, beschließt der Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Stadtgestaltung und Wohnen Folgendes:

– Anerkennung der Klimaschutzfunktion als zentrale, dem Gemeinwohl dienende Nutzfunktion des Dortmunder Stadtwaldes (statt der Produktion von klimaschädlichem Brennholz).
– Sofortiger Stopp des Holzeinschlags im Dortmunder Stadtwald (bei Wahrung der Verkehrssicherheit auf den Wegen).
– Sofortige Einstellung des Einsatzes schwerer Forstmaschinen jenseits der befestigten Wege im Dortmunder Stadtwald.
– Erhalt des gesamten Totholzes dort, wo es im Dortmunder Stadtwald entsteht.

Begründung

Die Stadt benennt drei Funktionen für den Stadtwald:
die Erholungsfunktion, die Schutzfunktion und die Nutzfunktion.

Unter letzterer versteht die Stadt vor allem die Produktion von Brennholz, was für den Klimaschutz in mehrfacher Hinsicht problematisch ist:
Kohlenstoffspeicher Bäume, insbesondere Laubbäume, können problemlos mehrere 100 Jahre alt werden. Bis ins hohe Alter entziehen sie der Atmosphäre große Mengen des Treibhausgases CO2. Der Sauerstoff wird wieder an die Atmosphäre abgegeben, der Kohlenstoff dauerhaft im
Holz gespeichert. Damit senken sie die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre und tragen zum Klimaschutz bei. Bis ein Baum allerdings relevante Mengen an CO2 aufnehmen kann, vergehen gerade bei langsam wachsenden Arten wie Buchen oder Eichen Jahrzehnte – viel zu langsam, um mit Aufforstungen jetzt noch die Klimakrise zu bremsen.

Jeder gefällte Baum ist deshalb für den Klimaschutz auf Jahrzehnte ein Verlust, selbst wenn er durch einen jungen ersetzt wird.

Die Biomasseakkumulation wird gesenkt und damit auch die Klimaschutzwirkung. Zur Milderung der Klimakrise sollten aber die Holzvorräte aufgestockt und damit die Kohlenstoff Senkfunktion des Waldes erhöht werden. Das gelingt, wenn man den Baumbestand altern lässt, denn der Kohlenstoffgehalt im gesamten Ökosystem Wald steigt mit seinem Alter, ebenso die Waldwachstumsrate.

Brennholz
70 % des Holzes von Laubbäumen wird in Deutschland verbrannt (energetisch verwertet), die klimaschädlichste, am wenigsten nachhaltige und mit dem geringstmöglichen finanziellen Ertrag verbundene Verwertung dieses hochwertigen Naturstoffes. In Dortmund dürfte dieser Wert bei annähernd 100 % liegen, da das ältere Holz kriegsbedingt granatsplitterhaltig bzw. -verdächtig ist.

Das ist skandalös!

Bei der Verbrennung oxidiert der im Holz über 150 und mehr Jahre eingelagerte Kohlenstoff wieder zu CO2, wird mit einem Schlag an die Atmosphäre abgegeben und reichert sich dort an. Das Verbrennen von Holz trägt damit zu einem sofortigen Anstieg der klimaschädlichen Treibhausgase bei.

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz vom 29.04.2021 muss diese Praxis geändert werden. Das Gericht bezieht sich dabei auf Art. 20a GG, der den Staat zum Klimaschutz und zur Herstellung von Klimaneutralität gerade auch für künftige Generationen verpflichtet. Bereits 1990 urteilte dasselbe Gericht:
„Die Bewirtschaftung des Körperschafts- und Staatswaldes … dient der Umwelt- und Erholungsfunktion des Waldes, nicht der Sicherung von Absatz und Verwertung forstwirtschaftlicher Erzeugnisse.“

Gegen dieses Urteil verstößt die Stadt Dortmund seit Jahren. Auch das ist ein Skandal. Trotz dieses Urteils werden selbst Wälder in Naturschutzgebieten immer noch als Holzfabriken angesehen. Ein Irrweg, der dringend gestoppt werden muss.

Waldboden
Beim Fällen der Bäume wird schweres, bodenzerstörendes Gerät jenseits der befestigten Wege eingesetzt. Auch breite Reifen verhindern nicht, dass der empfindliche Waldboden auf den Fahr- / Rückewegen erheblich verdichtet, verformt und junger Wald zerstört wird. Dies ist leicht erkennbar an den tiefen Reifenspuren zwischen den Bäumen, die wie Barrieren wirken und getrennte Bodenräume schaffen, zwischen denen Diffussionsprozesse
kaum noch stattfinden. Waldboden speichert neben Wasser und Nährstoffen auch mehr als 100 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar. Durch die schweren Maschinen wird der empfindliche Waldboden für Jahrzehnte verdichtet, die Feinstwurzeln angrenzender Bäume zerdrückt und das Mikroklima zerstört.

Für das Baumwachstum wichtige Pilze verschwinden, was dieses hemmt. Dagegen nehmen Fäulnisorganismen zu, wodurch der Waldboden kein CO2 mehr aufnimmt, stattdessen aber die besonders klimaschädlichen Treibhausgase N2O (Lachgas, 310-mal klimaschädlicher als CO2) und CH4 (Methan, 21-mal klimaschädlicher als CO2) in großen Mengen abgibt. Dadurch wird aus der Treibhausgas-Senke Wald eine TreibhausgasQuelle.

Totholz
Auch Bäume sterben bei Erreichen eines gewissen Alters ab oder werden bei den in Folge der Klimakrise zunehmenden und stärker werdenden Stürmen umgeworfen. Das dabei entstehende Totholz verrottet sehr langsam. Bei einem dicken Eichenstamm kann dieser Prozess bis zu 200 Jahre dauern, im Durchschnitt dauert es um die 50 Jahre. Auch dabei wird der Kohlenstoff wieder in CO2 umgewandelt, aber nicht schlagartig, sondern sehr langsam in entsprechend kleiner Dosierung über viele Jahrzehnte hinweg. Dieser langwierige Prozess ist im Zusammenspiel mit dem Nachwachsen junger Bäume treibhausgasneutral. Mit Ausnahme des in Häusern verbauten Holzes weisen nahezu alle Holzprodukte eine deutlich kürzere Verweildauer auf als das Totholz im Wald. Totholz im Wald muss deshalb als dauerhafter Kohlenstoffspeicher angesehen und dort, wo es entsteht, erhalten werden.

In Häusern verbautes Holz kann ebenfalls als eine langfristige CO2-Senke sein. Holz muss langfristig den Beton ersetzen. Diese Wirtschaftswälder sollten aber überall in den Quellgebieten von trocken fallenden Gewässern entstehen und als Einkommensquelle für BäuerX. Die Stadt Dortmund ist darauf nicht angewiesen und kann sich ganz auf die Klimaschutzfunktion (Treibhausgas-Senke), Erholungsfunktion und die Entwicklung von Naturwald konzentrieren.

Darüber hinaus bietet ein einschlagfreier, klimagerechter Wald auch Vorteile für seine Erholungs- und Schutzfunktion:

Steigerung der Erholungsfunktion
Gerade seit Beginn der Corona-Krise haben die Menschen vermehrt Wälder und insbesondere die nahen Stadtwälder aufgesucht, um die frische Waldluft zu atmen, sich im Wald zu bewegen und die Seele zur Ruhe kommen zu lassen. Sie tun dies, um ihre Gesundheit zu schützen und zu fördern. Auch der bayrische Ministerpräsident Söder umarmt Bäume. Je wilder die Natur, desto besser gefällt sie den Menschen.

Nach einer Umfrage des Bundesumweltministeriums (2014) wünscht sich die große Mehrheit der Menschen (74%) naturnahe, einschlagfreie Wälder mit mehr Wildnis, weil diese die Erholungsfunktion des Waldes noch steigert. Die Sehnsucht nach mehr Wildnis im Wald zeigt sich auch am Erfolg der Bücher und Fernsehsendungen des Försters Peter Wohlleben und am starken Anstieg des Naturtourismus.

Steigerung der Schutzfunktion
Im Rahmen ihrer Biodiversitätsstrategie hat die Bundesregierung 2007 das Ziel gesetzt, dass sich bis 2020 5 % der Wälder – für Wälder in öffentlicher Hand wurden 10 % festgeschrieben – natürlich, d. h. ohne menschlichen Eingriff entwickeln sollen. Erreicht wurden bis heute knapp 3 %.

Ein weiteres Ziel von 2007 besagt, dass 2 % der deutschen Landfläche bis 2020 als Wildnisgebiete geschützt werden sollen. Mit aktuell 0,6 % wurde dieses Ziel sehr weit verfehlt, NRW erreicht mit 0,19 % noch nicht einmal 10 % davon.

Dortmund könnte durch die Ausweisung der Stadtwälder als naturnahe, eingriffsfreie Wälder bzw. Wildnisgebiete zur Erreichung dieser Ziele beitragen. Damit würde Dortmund einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der durch den Menschen immer stärker bedrohten Artenvielfalt leisten, denn viele bedrohte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen finden nur noch in Wildnisgebieten Lebens- und Rückzugsräume. Das würde den Wald auch für seine weiteren Funktionen stark machen, denn sich selbst überlassen ist er stabiler, vitaler und artenreicher als ein Wirtschaftsforst:
Er schützt vor Hitze und Lärm, filtert Staub und Schadstoffe aus der Luft, spendet Sauerstoff, ohne den wir nicht leben können, und reinigt
und speichert Wasser. Damit schützt er vor Hochwasser und Erosion und reguliert den Wasserkreislauf. Und er speichert sehr viel mehr CO2 als jeder wirtschaftlich genutzte Wald.

Verordnung über Landnutzung und Forstwirtschaft für 2021-2030
Nach den im Mai 2018 erlassenen EU-Rechtsvorschriften muss jeder EU-Mitgliedstaat sicherstellen, dass die Treibhausgasemissionen aus Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft ausgeglichen werden, indem im Zeitraum 2021-2030 eine mindestens gleichgroße
Menge CO2 aus der Atmosphäre abgebaut wird.

Dieses Ziel wird sich nur durch konsequente Nutzung aller vorhandenen Möglichkeiten erreichen lassen. Dortmund kann hier Vorreiter werden und ohne viel Aufwand alle städtischen Wälder zu CO2-Senken machen.

Quellen
Greenpeace: Petition „Waldsterben stoppen!“.
https://act.greenpeace.de/waldschutz?utm_campaign=forests&utm_source=newsletter&ut
m_medium=email&utm_content=button&utm_term=20210630-wald-waldwende

Initiative „Wildnis in Deutschland“ (gefördert vom BMU): Mehr Wildnis in Deutschland. Frankfurt 2017

Knapp/Klaus/Fähser (Hrsg.): Der Holzweg. Wald im Widerstreit der Interessen. München 2021

Öko-Institut (im Auftrag von Greenpeace): Waldvision Deutschland. Beschreibung von Methoden, Annahmen und Ergebnissen. Berlin 2018

Welle/Sturm/Bohr: Alternativer Waldzustandsbericht. Eine Waldökosystemtypen-basierte Analyse des Waldzustandes in Deutschland anhand naturschutzfachlicher Kriterien. NaturwaldAkademie, Berlin 2018

Wohlleben: Der Wald. Eine Entdeckungsreise. München, 5. Auflage 2016

Von der EU ratifizierte Verordnung über die Einbeziehung der Emissionen und des Abbaus von Treibhausgasen aus Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF) https://ec.europa.eu/clima/policies/forests/lulucf_de

Beschluss / Antwort:

Protokoll der Sitzung:

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